ICE Neubaustrecke Bielefeld-Hannover

Pressemitteilung ICE-Trassenplanung „Bielefeld-Hannover“

 

Naturschutzverbände: Deutsche Bahn ohne echte Dialogbereitschaft

 

Detmold. Der von der Deutschen Bahn mit einem Plenum am 9. März 2021 gestartete Dialogprozess über die ICE-Trassenplanung „Bielefeld-Hannover“ ist aus Sicht der OWLNaturschutzverbände ausgesprochen enttäuschend verlaufen.

Die dazu eingeladenen Verbände BUND, NABU, LNU und Lippischer Heimatbund sowie die Bezirkskonferenz Naturschutz fordern die Deutsche Bahn und das Bundesverkehrsministerium auf, endlich die Geheimniskrämerei um den konkreten Planungsauftrag zu beenden und alle notwendigen Informationen zur Beurteilung von Planungsalternativen zur Verfügung zu stellen. „Wenn die Deutsche Bahn Transparenz ernst meint, müssen alle grundlegenden Daten und Fakten dem Plenum und der Öffentlichkeit bekannt gegeben werden. Das gelte besonders für den Planungsauftrag für das Projekt.“ sagt der Sprecher der Naturschutzverbände in Ostwestfalen-Lippe, Karsten Otte.

Die Naturschutzverbände erwarten von der Bahn einen echten Dialog mit den Beteiligten: „Wir wollen nicht nur Zuhörer sein, sondern unsere Fachkompetenz ab sofort in den Planungsprozess einbringen, da nach Auskunft des Planungsbüros die Untersuchung der sog. Suchkorridore offensichtlich schon begonnen hat. Zudem müsse geklärt werden, wie verbindlich die im Plenum erzielten Beratungsergebnisse sind.

Das ist aber mit dem nebulösen Verweis der Bahn auf eine Entscheidung des Bundestags weitgehend offen geblieben. Die Diskussion im Plenum habe zudem gezeigt, dass die angeblich zwingenden Eckpunkte des Deutschlandtaktes, nämlich eine Höchstgeschwindigkeit bis 300 km/h und eine Reisezeitverkürzung bis 31 Minuten, von sehr vielen beteiligten Plenumsteilnehmern in Frage gestellt werden. Otte: „Die Naturschutzverbände erwarten, dass diese Eckpunkte gestrichen werden. Ziel müsse vielmehr ein „verkehrspolitisch sinnvoller Deutschlandtakt“ sein, der auch die Stärkung des regionalen Schienenverkehrs im Blick hat.

Die Naturschutzverbände sind davon überzeugt, dass sich nur so zwischen Bielefeld und Hannover eine umwelt- und raumverträgliche Trassenvariante finden lässt, die Mensch, Natur und Landschaft möglichst schont. Deshalb ist es aus Sicht der Naturschutzverbände zwingend notwendig, dass bei den zu untersuchenden Trassenvarianten die Trasse, die sich an der Bestandstrecke orientiert, im Planungsprozess vorrangig behandelt werden muss. Unter einer solchen Zielsetzung sind die Naturschutzverbände bereit, ihre Fachexpertise prozessbegleitend einzubringen.

Von der Deutschen Bahn erwarten sie dabei eine Öffnung der Mitwirkungsmöglichkeiten über die rechtlich erforderlichen Beteiligungsschritte hinaus.

 

gez. Karsten Otte Sprecher der Bezirkskonferenz Naturschutz in OWL


                                                       

 

Gemeinsame Presseerklärung

 

NABU Ostwestfalen-Lippe und  

 

Landwirtschaftlicher Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe

 

 

 

Flächenverbrauch erfordert innovative Ideen

 

Naturschützer und Landwirte: „Ein weiter so kann und darf es nicht mehr geben, das sind wir nachfolgenden Generationen schuldig“

 

Ob ICE-Trasse, Straßen-, Infrastrukturmaßnahmen, Gewerbe- oder Wohnbebauung: Die Nachfrage nach Flächen ist weiterhin groß. Doch in Zeiten von Klimawandel und endlicher Ressourcen gelte es mehr denn je, Flächenverbrauch zu vermeiden. „Der sorgsame, verantwortungsbewusste und vorausschauende Umgang mit unserer Ressource Boden wird in Zukunft in OWL noch wichtiger“, so der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe (OWL) Antonius Tillmann. Otmar Lüke, Beisitzer im NABU- Landesvorstand von Nordrhein-Westfalen sowie Vorsitzender des NABU-Kreisverbandes Paderborn, ist gleicher Ansicht: „Wir sind in hohem Maße besorgt über den enormen Verlust wertvoller Flächen sowie wichtiger Lebens-, Nahrungs- und Schutzräume für unsere Tier- sowie Pflanzenwelt.“ Flächenverbrauch bedeute auch immer einen Verlust an Artenvielfalt. Ein „Weiter so“ dürfe es nicht mehr geben, „das sind wir unseren nachfolgenden Generationen schuldig. Wir müssen neue Wege gehen“, fordern Landwirtevorsitzender Tillmann und NABU-Vorsitzender Lüke. Beide sehen den neuen Regionalplan OWL, der sich derzeit in der Offenlage befindet, kritisch, weil er einen weiteren ungezügelten Flächenverbrauch ermöglicht. „Es dürfen nicht mehr beste Ackerböden, wie zum Beispiel in der Nähe der Autobahnauffahrt Paderborn-Zentrum, oder naturschutzfachlich sensible Flächen, wie beispielsweise an der Autobahnauffahrt Stukenbrock-Senne, für neue Gewerbegebiete geopfert werden.“

 

Tillmann fragt sich: „Wir wissen doch, dass die deutsche Bevölkerung zukünftig nicht großartig wachse. Doch warum verbrauchen wir laufend immer mehr wertvolle Fläche und Natur?“ Klimawandel, ressourcenschonender Umgang, E-Mobilität, nachhaltiger Konsum oder Plastikvermeidung seien die großen Themen unserer Zeiten. Unverständlich für die heimischen Naturschützer und Landwirte wie belanglos häufig mit unseren fruchtbaren Böden, Natur- und Landschaftsflächen umgegangen werde. Fläche sei nicht beliebig verfügbar, nicht vermehrbar. „Was weg ist, ist unwiederbringlich verloren und steht weder als Natur- und Lebensraum für die Tiere und Pflanzen, noch für die Erzeugung regionaler Lebensmittel dauerhaft zur Verfügung“, bringt es Tillmann auf den Punkt.

 

 

 

Gesamtgesellschaftlich weiter denken

 

„Brauchen wir bei Verkehrs-, Gewerbe-, Wohn- und Städteentwicklung nicht mehr innovative Konzepte, andere Ideen als immer ‚nur’ neue Flächen auszuweisen?“, fragt Tillmann. Hier muss gesamtgesellschaftlich weitergedacht werden. Ein Effekt beispielsweise in diesen Coronazeiten: Durch Homeoffice und digitale Konferenzen habe sich der geschäftliche und berufliche Verkehr verringert. Tillmann ist überzeugt, dass sich diese angestoßene Entwicklung zukünftig auf unsere Verkehrsströme, aber auch auf die Büroflächen auswirken werde.

 

Die Innenverdichtung, Reaktivierung von Industriebrachen und Altgebäuden, die Nachnutzung, flächensparendes Bauen beim Gewerbe- und Siedlungsbau wären dringend nötig. In den dünner besiedelten Kreisen in OWL haben wir teilweise erheblichen Leerstand. Oft ist der Abriss von diesen Altgebäuden die einzige Lösung, um Platz für neue Gebäude zu schaffen. Da ist das Land und der Bund in der Pflicht. Das können die Kommunen nicht selbst finanzieren. Echter Ausgleich für Versiegelung ist nur die Entsiegelung. Brauchen wir zukünftig überhaupt noch neue Siedlungshäuser mit Grundstücksflächen von 700-800 Quadratmeter oder braucht es vielleicht neue Konzepte, bei denen Gebäude nach aktuellen Lebenssituationen – Familie mit Kindern oder 2-Personenhaushalt – anpassbar sind? Überlegungen, die in den Großstädten heute schon in die Bauplanung einfließen. Anfangen und Weiterdenken seien die Zeichen dieser, unserer Zeit!

 

Flächenschutz eine Gemeinschaftsaufgabe

 

„Wir als Gesellschaft merken derzeitig in vielen Bereichen, dass wir an unsere Grenzen stoßen“, schildert der Landwirtevorsitzende. Jede Zeit habe seine Herausforderungen. Flächenschutz sei eine Gemeinschaftsaufgabe. „Wir müssen uns auf den Weg machen, es dürfen keine Lippenbekenntnisse bleiben“, betont NABU-Vorsitzender Lüke. Er und Tillmann fordern zum Schutz unserer wertvollen Natur-, Landschafts- und Lebensräume eine nachhaltige und strategische Entwicklungsplanung. Flächenvermeidung müsse auch beim neuen Regionalplan OWL gelebte Philosophie werden.